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Dienststelle „Sitte“

Die „Sitte“ (Sittenpolizei) gehört historisch betrachtet zur Kriminalpolizei wie die Mordkommission oder das Raubdezernat. Ihr Aufgabenbereich jedoch wandelte sich mit den sich ändernden gesellschaftlichen Übereinkünften, was denn eigentlich sittenwidrig sei. Voraussetzung für den Wandel des kriminalpolizeilichen Vorgehens war freilich, dass der Gesetzgeber diesen auch in formelles Recht goss.

In der frühen Bundesrepublik war etwa Sexualität allgemein gesellschaftlich stark tabuisiert. Außerehelicher Geschlechtsverkehr war nicht nur sozial sanktioniert. Die uns aus älteren Filmen geläufige Mahnung „Kein Damenbesuch auf dem Zimmer“ brachte nicht nur die Befürchtung der Herbergsmutter zum Ausdruck, der Ruf ihres Hauses könne leiden. Sie fürchtete auch, wegen Kuppelei, also „Vorschubleistung von Unzucht“, angeklagt und schlimmstenfalls mit Gefängnis bestraft zu werden. Auch Ehebruch war bis 1969 ein Straftatbestand.

Einen besonderen Ausdruck fand diese Haltung in der Verfolgung von homosexuellen Männern. Seit 1871 war mit dem Paragrafen 175 des Strafgesetzbuchs sexueller Kontakt zwischen Männern verboten. 1935 verschärfte die NS-Regierung die Bestimmungen und erhöhte das Strafmaß. Der Bundestag übernahm ausdrücklich diese verschärfte Regelung.

Bemerkenswert ist, dass die Intensität der Verfolgung von Homosexuellen nach 1945 bis Anfang der 1960er Jahre zunahm. Dazu trug sicher auch eine erhöhte Bereitschaft zur Anzeige bei. Hatte die Stuttgarter Kriminalpolizei 1948 noch 90 Fälle von „widernatürlicher Unzucht“ bearbeitet, waren es 1955 schon 214 und 1959 sogar 314. Im Falle einer Verurteilung drohten mehrere Monate Gefängnis, in seltenen Fällen aber auch zwei Jahre und mehr. Hinzu kam als Folge des unfreiwilligen „Coming Outs“ fast immer eine schwere Erschütterung des privaten und beruflichen Umfelds.

Anmerkung: Es ist nicht endgültig gesichert, dass die „Sitte“ (offiziell 1945 Dienststelle 5, ab 1946 Dienststelle 6, ab 1949 Dienststelle 7, ab 1962 Dienststelle 12) in genau diesen Räumen saß. Nach 1960 zog die Dienststelle in das Alte Waisenhaus gegenüber des Hotel Silber am Charlottenplatz 17.


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