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Die Leiter

Als Leiter der regionalen Gestapo-Stellen wurden meist Juristen aus der höheren Verwaltungslaufbahn berufen. So auch in Stuttgart. Die ersten drei Leiter Hermann Mattheiß, Walter Stahlecker und Joachim Boës waren promovierte Juristen und hatten vor ihrem Eintritt in die Politische Polizei bzw. Geheime Staatspolizei bei verschiedenen Ämtern in der Innenverwaltung gearbeitet.

Friedrich Mußgay, der vierte und letzte Leiter, fällt dagegen aus dem Rahmen. Zwar hatte er zwischen 1913 und 1917 als Assistent bei den Oberämtern Mergentheim, Ellwangen und Esslingen den Weg des mittleren Verwaltungsdiensts eingeschlagen, doch war er ohne akademische Ausbildung und bereits 1917 in die Stuttgarter Polizeidirektion eingetreten. Mit Sicherheit wäre ihm die Leitung der Stuttgarter Gestapo nicht übertragen worden, hätte die Geheime Staatspolizei während des Weltkriegs nicht unter akutem Personalmangel gelitten. Die in den annektierten oder besetzten Gebieten errichteten Dienststellen wurden mit Personal aus dem „Altreich“ besetzt und konnten dort nicht adäquat ersetzt werden.

In einer weiteren Hinsicht unterschied sich Mußgays Biografie von der der anderen Leiter. Als Einziger überlebte er, wenn auch nicht lange, das Ende des so genannten Dritten Reichs. Mattheiß wurde 1934 ermordet, während Boës und Stahlecker 1941 und 1942 im Krieg starben. Mußgay nahm sich im September 1946 in amerikanischer Haft das Leben.

Friedrich Mußgay, kommissarischer Leiter der Gestapo ab Mai 1940 und offiziell ab Juli 1941 bis April 1945, um 1927

Hermann Mattheiß

Mit seinem aufbrausenden Charakter sorgte Hermann Mattheiß regelmäßig für Unmut. Privatfehden wegen Beleidigungen oder Verdächtigungen gegen Verwaltungsstellen sind fester Bestandteil seiner Biografie. Während ihn dienstliche Vorgesetzte sehr zurückhaltend beurteilten, stieg sein Ansehen bei der NSDAP nicht zuletzt wegen dieser Rücksichtslosigkeit. Schon im April 1932 trat Mattheiß öffentlich bei einer Veranstaltung der NSDAP auf. Als Beamter setzte er damit beruflich alles auf eine Karte – und gewann.

Im März 1933 wurde Mattheiß von Polizeikommissar Dietrich von Jagow zum Unterkommissar ernannt. Sofort drohte er im NS-Kurier „staatsfeindlichen Elementen“ mit Verhaftung oder Zwangsarbeit und kündigte an, „diese Elemente […] auch körperlich ausrotten“ zu wollen.

Im April berief ihn Innenminister Wilhelm Murr zum Leiter der Politischen Polizei, um ihn kaum ein Jahr später wieder seines Amts zu entheben. Seine Geltungssucht und die ständigen Vorwürfe der Sabotage vor allem gegen die Innen- und Finanzverwaltung hatten Mattheiß untragbar gemacht.

Wie er Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich gegen sich aufbrachte, ist nicht bekannt. Am 1. Juli 1934 wurde Mattheiß von SS-Männern in Ellwangen in Zusammenhang mit dem so genannten Röhm-Putsch erschossen.

  • geboren am 18. Juli 1893 in Ludwigstal
  • 1911 Abitur
  • 1912 Jurastudium in Tübingen
  • ab 1914 Teilnahme am Ersten Weltkrieg
  • 1922 Große Juristische Staatsprüfung
  •  von 1922 bis 1933 verschiedene Posten in der Verwaltung oder Dienst als Amtsrichter, u. a. in Oberndorf und Ellwangen
  • im März 1933 Ernennung zum Unterkommissar für die Oberämter Horb, Tuttlingen, Oberndorf, Rottweil, Balingen, Spaichingen und Sulz
  • im April 1933 Leiter der Württembergischen Politischen Polizei
  • im Mai 1934 Amtsenthebung
  • am 1. Juli 1934 Ermordung in Zusammenhang mit dem so genannten Röhm-Putsch
  •  Beitritt zur NSDAP und SA vor 1933
Hermann Mattheiß, Leiter der Politischen Polizei von April 1933 bis Mai 1934, 1933

Walter Stahlecker

Walter Stahlecker verdankte seine Berufung zum Leiter der Politischen Polizei seinem Ansehen bei Gauleiter Wilhelm Murr. Dieser setzte seine Ernennung gegen den erheblichen Widerstand von Ministerpräsident Christian Mergenthaler durch.

Stahleckers erste organisatorische Aufgabe war es, die Politische Polizei vor allem personell zu konsolidieren. Noch immer gab es keinen genehmigten Haushalt und erste Beamte bemühten sich bereits um eine Versetzung, da ihnen keine Planstellen zugesichert werden konnten. Im Unterschied zu Hermann Mattheiß war Stahlecker im Umgang mit den verantwortlichen Stellen verbindlicher. Er konnte sich zudem auf Gauleiter Murr verlassen. Dieser sprach beim Innenministerium in Berlin vor und setzte sich für die Belange seines Protegés ein.

Nach außen stand der Kampf gegen die im Untergrund arbeitenden Organisationen der Arbeiterbewegung im Vordergrund. Auch hier war Stahlecker erfolgreich: die Politische Polizei infiltrierte vor allem die Strukturen der verbotenen KPD mit V-Leuten und zerschlug sie weitgehend.

Als Stahlecker im April 1937 die Leitung der Staatspolizeileitstelle Breslau übernahm, führte sein bisheriger Stellvertreter Wilhelm Harster für einige Monate kommissarisch das Amt, bevor Joachim Boës als neuer Leiter nach Stuttgart kam.

  • geboren am 10. Oktober 1900 in Sternenfels
  • Schulzeit in Tübingen
  • 1918/1919 Kriegsdienst und Polizeiwehr
  • 1920 Abitur
  • bis 1924 Jurastudium in Tübingen, Erste Juristische Staatsprüfung
  • 1928 Zweite Juristische Staatsprüfung, anschließend Amtmann im Landratsamt Ehingen
  • 1930 Versetzung zum Arbeitsamt Nagold als Regierungsrat, dort zuletzt Arbeitsamtsdirektor
  • im Mai 1933 Ernennung zum stellvertretenden Leiter der Politischen Polizei in Stuttgart
  • im November 1933 Versetzung nach Berlin zur Vertretung Württembergs
  • im Mai 1934 Leiter der Politischen Polizei in Stuttgart
  • im April 1937 Ernennung zum Leiter der Staatspolizeileitstelle Breslau
  • im März 1938 Inspekteur der Sicherheitspolizei und des SD in Österreich in Wien
  • im Juni 1939 Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD im Protektorat Böhmen und Mähren
  • im November 1940 Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD für Norwegen in Oslo
  • ab Juni 1941 Leiter der Einsatzgruppe A im Baltikum und ab Herbst Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD für das Reichskommissariat Ostland in Riga
  •  am 23. März 1942 Tod nach einem Angriff von Partisanen
  • Beitritt zur NSDAP vor dem Verbot 1923, Wiedereintritt im April 1933
  • Beitritt zur SS im Mai 1932
Walter Stahlecker, Leiter der Politischen Polizei bzw. der Gestapo von Mai 1934 bis März 1937, undatiert

Joachim Boës

Joachim Boës stammte, anders als die drei weiteren Leiter, nicht aus Württemberg. Die ersten zehn Jahre seiner beruflichen Laufbahn verbrachte er in Norddeutschland.

Für seinen Übertritt zur Gestapo dürfte die Aussicht mit verantwortlich gewesen sein, bei der personell wachsenden und ihren Einfluss rasch ausweitenden Gestapo auf der Karriereleiter schneller empor klettern zu können als in der inneren Verwaltung. Der späte Beitritt zur NSDAP lässt vermuten, dass die ideologischen und politischen Verbindungen zur Partei eher locker waren.

Die Amtszeit von Joachim Boës bei der Stuttgarter Gestapo war gekennzeichnet von einer Radikalisierung der anti-jüdischen Politik sowie vom Kriegsbeginn und den damit auch für die Gestapo einhergehenden Veränderungen. Herausragendes Ereignis und Fanal war das Pogrom im November 1938, bei dem die Gestapo ein entscheidender Akteur war. Am späten Abend des 9. November hatte das Geheime Staatspolizeiamt in Berlin alle Gestapostellen im Reich über die unmittelbar bevorstehenden Ausschreitungen informiert und die Verhaftung von 20.000 bis 30.000 „vor allem vermögende[n] Juden“ befohlen. Den Leitern der regionalen Dienststellen wurde die sicherheitspolizeiliche Koordinierung des Pogroms aufgegeben.

Als im März 1939 die Wehrmacht in der Tschechoslowakei einmarschierte, folgten ihr die deutsche Polizei sowie Beamte und Angestellte der Gestapo. Ein Muster, das sich bei allen noch kommenden Feldzügen wiederholen sollte und die Personaldecke der Staatspolizeistellen schmelzen ließ. Boës und sein Nachfolger Friedrich Mußgay reagierten mit der verstärkten Einstellung von beruflichen Quereinsteigern und leiteten so die Deprofessionalisierung der Stuttgarter Gestapo ein.

Im Mai 1940 meldete sich Boës freiwillig zum Wehrdienst und hatte damit überraschend Erfolg. In der Regel wurde das Personal der Gestapo und der Kriminalpolizei nicht in die Wehrmacht übernommen, sondern eher zu den Einsatzgruppen und Dienststellen der Sicherheitspolizei und des SD angeordnet. Boës hatte es stets als Makel empfunden, als Soldat im Ersten Weltkrieg nur noch die letzten Wochen der Kämpfe miterlebt zu haben. Er starb im Juli 1941 als Artillerie-Wachtmeister in einem Bukarester Lazarett an toxischer Ruhr.

  • geboren am 17. Mai 1899 in Esbeck im Kreis Alfeld
  • Schulbildung und Abitur in Hildesheim
  • 1918/1919 Heeresdienst
  • bis 1922 Jurastudium, Erstes Staatsexamen
  • ab 1923 Regierungsreferendar bei der Regierung Schleswig
  • 1926 Zweites Staatsexamen
  • von 1928 bis 1935 Tätigkeit bei den Landratsämtern Swinemünde und Freienwald/Oder und bei der Regierung Lüneburg
  • im November 1933 Eintritt in die SA
  • im November 1935 Wechsel zum Geheimen Staatspolizeiamt Berlin
  • im Dezember 1935 Ernennung zum Leiter der Staatspolizeistelle Wilhelmshaven
  • im März 1936 Ernennung zum Leiter der Staatspolizeistelle Frankfurt am Main
  • im Oktober 1937 Ernennung zum Leiter der Staatspolizeileitstelle Stuttgart
  • im Mai 1940 Beitritt zur Wehrmacht
  • am 28. Juli 1941 in einem Lazarett in Bukarest an toxischer Ruhr gestorben
  • Beitritt zur NSDAP am 1. Januar 1940
  • Beitritt zur SA im November 1933
Joachim Boës in der Uniform eines Wachtmeisters der Flak-Artillerie, ca. 1941

Friedrich Mußgay

Friedrich Mußgay war die prägende Figur der Politischen Polizei bzw. der Gestapo in Württemberg-Hohenzollern. Er diente nicht nur am längsten als Dienststellenleiter, sondern war auch schon vor seiner Ernennung zum Chef der Gestapo als Leiter der Nachrichten- und dann der Exekutivabteilung mit entscheidenden Aufgaben betraut. Bis 1937 baute er als Chef der Abteilung N das Spitzel- und Informantennetz auf und konnte dabei auf seine Erfahrungen aus der Zeit der Weimarer Republik zurückgreifen. Mußgay steht daher auch beispielhaft für die personelle Kontinuität der Politischen Polizei von der Weimarer Republik bis zum Ende des NS-Staats.

In die Dienstzeit Mußgays als Leiter der Staatspolizeileitstelle Stuttgart fallen sämtliche Deportationen der Juden aus Württemberg und Hohenzollern. An deren Organisation und Durchführung hatte er maßgeblichen Anteil. Mußgay beantragte beim Reichssicherheitshauptamt in Berlin zahlreiche Hinrichtungen („Sonderbehandlungen“) von polnischen und sowjetischen Zwangsarbeitern und beaufsichtigte die Exekutionen in der Regel persönlich.

Wann genau Mußgay nach dem Einmarsch der französischen und amerikanischen Armeen in Württemberg verhaftet wurde, ist bisher nicht bekannt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit fiel er zunächst den Franzosen in die Hände, die ihn aber nicht dauerhaft festhielten. Ob ihn sein falscher Pass auf den Namen Moosmeier unerkannt bleiben ließ oder ob er aus anderen Gründen wieder frei kam, bleibt offen.

Im Januar 1946 gelang es dem amerikanischen Militärgeheimdienst CIC (Counter Intelligence Corps), einen Verbund ehemaliger Gestapo-Beamter auszuheben. Mußgay wurde zusammen mit seiner Geliebten am 16. Januar in einem Bauernhaus in Deggingen in der Nähe von Geislingen verhaftet.

  • geboren am 3. Januar 1892 in Ludwigsburg
  • Besuch des Realgymnasiums
  •  von 1913 bis 1917 Dienst als Verwaltungsassistent bei den Oberämtern in Mergentheim, Ellwangen und Esslingen, zeitweise Einsatz im Ersten Weltkrieg
  • 1917 Eintritt in die Polizeidirektion Stuttgart, dem späteren Polizeipräsidium
  • 1920 Ernennung zum Verwaltungsobersekretär, 1921 zum Polizeikommissar und 1923 zum Kriminalinspektor
  •  vor 1925 Leiter der Abteilung N (Nachrichtendienst) und V (Vereins- und Versammlungswesen) der Politischen Polizei
  • 1937 Leiter der Exekutivabteilung der Gestapo (Abt. II)
  • von März bis Juli 1939 als Abteilungsleiter bei der Gestapo Brünn
  • Ende August 1939 bis Mitte Oktober 1939 im Stab des Einsatzgruppe II in Südpolen
  • Mitte Oktober bis Anfang Dezember 1939 Aufbau und Organisation der Staatspolizeileitstelle Kattowitz
  • ab Mai 1940 Stellvertreter des zur Wehrmacht kommandierten Leiters der Staatspolizeileitstelle Stuttgart Joachim Boës und somit de facto Chef der Stuttgarter Gestapo
  • Juli bis Dezember 1940 Einsatz in Frankreich, erst als Kommandeur des Einsatzkommandos III/2 in Mühlhausen/Elsass, ab August bei der entstehenden Dienststelle des KdS Dijon
  • nach dem Tod von Joachim Boës Ende Juli 1941 Leiter der Staatspolizeileitstelle Stuttgart
  • am 3. September 1946 Selbstmord in amerikanischer Haft in Stuttgart
  • Beitritt zur NSDAP am 1. Mai 1933
  • Beitritt zur SS am 1. April 1933
Friedrich Mußgay, kommissarischer Leiter der Gestapo ab Mai 1940 und offiziell ab Juli 1941 bis April 1945, um 1927

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