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Alfred Hagenlocher und die Gruppe Schlotterbeck

Die Ereignisse um den Gestapo-Mitarbeiter Alfred Hagenlocher und die Kommunisten Eugen Nesper und Friedrich Schlotterbeck aus dem Jahr 1944 stehen exemplarisch für das Agieren der Gestapo. Sie stehen aber auch für die Extremsituation, der sich Menschen mit dem Willen zum Widerstand ausgesetzt sahen.

Die Biografien von Eugen Nesper und Friedrich Schlotterbeck weisen erstaunliche Parallelen auf. Beide waren schon in ihrer Jugend aktive Kommunisten, beide wurden 1933 verhaftet und beiden machte die Gestapo das Angebot der Freiheit, wenn sie für diese arbeiteten.

In der Nacht vom 7. auf den 8. Januar 1944 sprangen südlich von Reutlingen zwei Deutsche mit Fallschirmen aus einem britischen Flugzeug. Einer der beiden, Eugen Nesper, war 1942 an der deutsch-sowjetischen Front zur Roten Armee übergelaufen, hatte dem sowjetischen Geheimdienst seine Dienste angeboten und war zum Agenten ausgebildet worden. Von Archangelsk war er nach London verschifft worden, um von dort aus mit einem Flugzeug nach Württemberg geflogen und abgesetzt zu werden. Da Württemberg für sowjetische Flugzeuge noch nicht erreichbar war, übernahmen die Briten diese Aufgabe. In Deutschland sollte Nesper Verbindungen knüpfen und mit einem Funkgerät Nachrichten an den sowjetischen Geheimdienst senden. Nesper riskierte sein Leben, um in Deutschland Widerstand gegen den Nationalsozialismus leisten zu können.

Als die Gestapo Nesper eine Woche später verhaftete, traten sich alte Bekannte gegenüber: Nesper war lange beim Kommunistischen Jugendverband Deutschlands in Schwäbisch Gmünd aktiv gewesen und 1933 nach einer Schlägerei mit SS-Leuten zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. 1935 hatte ihm Friedrich Mußgay, damals Chef der Nachrichtenabteilung der Politischen Polizei, mitgeteilt, dass er für Jahre in ein Konzentrationslager komme, wenn er nicht als Spitzel für die Politische Polizei, die spätere Gestapo, arbeite. Nesper hatte eingewilligt und bis zu seiner Einberufung zur Wehrmacht Informationen an die Gestapo geliefert.

Nach seiner Verhaftung 1944 begann unter der Leitung von Alfred Hagenlocher, der bei der Gestapo für die Gegnerabwehr zuständig war, ein so genanntes Funkspiel: Nesper setzte von der Gestapo fingierte Funksprüche an den sowjetischen Geheimdienst ab. Gleichzeitig sollte er Verbindung zu Kommunisten aufnehmen und die Gestapo über deren Widerstandstätigkeit informieren. So nahm Nesper Kontakt zu Familie Schlotterbeck auf, die ihn trotz anfänglichem Misstrauen bei seinem angeblichen Vorhaben unterstützte, eine neue Widerstandszelle aufzubauen.

Ende Mai 1944 gestand Nesper Friedrich Schlotterbeck, dass er für die Gestapo arbeitete. Schlotterbeck hatte bereits leidvolle Erfahrungen mit der Gestapo gemacht. 1933 war er zu drei Jahren Zuchthaus verurteil und anschließend in „Schutzhaft“ genommen worden. 1943 hatte ihn die Gestapo aus dem Lager Welzheim unter der Bedingung entlassen, Informationen über den kommunistischen Widerstand zu liefern. Nach dem Krieg sagten ehemalige Gestapo-Mitarbeiter übereinstimmend aus, dass es Schlotterbeck gelungen war, die Gestapo mit falschen oder belanglosen Hinweisen abzuspeisen.

Als die Familie Schlotterbeck und ihre Freunde von der wahren Rolle Nespers erfuhren, entschieden sie sich zur Flucht in die Schweiz. Doch lediglich Friedrich entkam. Die Gestapo verhaftete seine Eltern, seinen Bruder, seine Schwester, seine Verlobte und weitere Mitglieder der Gruppe. Am 30. November 1944 wurden sie von der Gestapo hingerichtet. Hermann Schlotterbeck wurde noch am 19. April 1945 von der Gestapo ermordet.

Auch Eugen Nesper entschied sich, zu fliehen. Er entkam in die Schweiz. Auf der Flucht erschoss er einen deutschen Grenzbeamten. Nach dem Ende des Kriegs lieferte ihn die Schweiz aus. Die Spruchkammer stufte ihn als Hauptschuldigen ein.

Friedrich Schlotterbeck veröffentlichte 1945 zwei Broschüren mit seinen Erinnerungen („...wegen Vorbereitung zum Hochverrat hingerichtet" und „Je dunkler die Nacht, desto heller leuchten die Sterne"). Er engagierte sich in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und beim Roten Kreuz.

Alfred Hagenlocher, der als verantwortlicher Sachbearbeiter für den Fall Nesper/Schlotterbeck im Januar 1945 die Hinrichtungen an das Stuttgarter Standesamt gemeldet hatte, wurde von der Spruchkammer zunächst als Hauptschuldiger eingestuft. In mehreren Berufungsverfahren erreichte er 1951 die Einstellung des Verfahrens. Damit galt er als vom Entnazifizierungsgesetz nicht betroffen.

Anmerkung: Es ist nicht sicher, in welchem Büro des dritten Stocks Hagenlocher saß.

Alfred Hagenlocher in Stuttgart in der Uniform eines SS-Scharführers, 1935
Friedrich Schlotterbeck, um 1930
Eugen Nesper, 1944

Kurzbiografie Alfred Hagenlocher

  • geboren am 20. Mai 1914 in Ludwigsburg
  • bis 1931 Besuch des Gymnasiums in Stuttgart, Abgang ohne Abitur
  • 1931/1932 Besuch der Kunstgewerbeschule in Stuttgart
  • bis 1933 Militärdienst
  • 1934 und 1935 Dienst in der SS-Verfügungstruppe „Deutschland“
  • ab April 1935 Besuch der SS-Führerschule in Braunschweig
  • im Dezember 1936 Eintritt in die Gestapo München
  • ab Januar 1939 Dienst in der Staatspolizeileitstelle Karlsruhe
  • ab Mai 1940 Einsatz bei der Sicherheitspolizei in Norwegen
  • ab Oktober 1940 Dienst in der Staatspolizeistelle Koblenz
  • im Juli 1942 Wechsel zur Staatspolizeileitstelle Stuttgart
  • von März bis Dezember 1943 beim Sonderkommando 8 der Sicherheitspolizei in Mogilev
  • ab 22. April 1945 mit falschen Ausweispapieren auf den Namen Afred Hug in französischer Haft, aus der Hagenlocher im Sommer entlassen wird. Im Januar 1946 erneute Verhaftung durch die Amerikaner
  • im August 1948 Einstufung als Hauptschuldiger durch die Spruchkammer, Hagenlocher legte Berufung ein
  • im Januar 1951 Einstellung des Spruchkammerverfahrens
  • zwischen 1953 und den 1990er Jahren Kurator zahlreicher Kunstausstellungen vor allem in Reutlingen und Albstadt, Initiator der Gründung der Städtischen Galerie Albstadt und des Museums für Volkskunst in Meßstetten
  • im Mai 1994 Verleihung der Staufermedaille des Landes Baden-Württemberg
  • gestorben am 18. November 1998 in Meßstetten
  • Beitritt zur NSDAP im Juni 1931
  • Beitritt zur SS im Juni 1931

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